Rachmaninoff

„Ich mache einen langen Spaziergang auf dem Land. Mein Auge fängt einen Funken Licht auf frischem Laub nach einem Regenschauer ein, meine Ohren das untergründige Rauschen des Waldes. Oder ich beobachte nach einem Sonnenuntergang blasse Farbtöne am Horizont. Und plötzlich tauchen sie alle auf – alle Stimmen auf einmal.“ (Rachmaninoff, 1909)

„Musik sollte letztlich der Ausdruck der komplexen Persönlichkeit ihres Schöpfers sein. ... Die Werke eines Komponisten sollten seine Heimat widerspiegeln, seine Liebschaften, seine Religion, die Bücher, die ihn beeinflusst haben, die Bilder, die er liebt. Sie sollte die Summe seiner Lebenserfahrung sein.“ (Rachmaninoff, 1941)

Mir liegt am Herzen, die Mehrdeutigkeit von Rachmaninoffs Musik zu zeigen, ihre Schlichtheit, ihre Melancholie, ihr Frühlingsrauschen, ihre Distanziertheit, ihren Witz, ihren Glockenklang, ihre Selbstmitleidlosigkeit, ihren Edelmut, ihre Sensibilität, ihren Farbenreichtum, ihre Großzügigkeit: insgesamt die vielschichtigen Charaktereigenschaften Rachmaninoffs.

Rachmaninoffs Musik ist entgegen manchen Vorurteilen meisterhaft komponiert und höchst eigenständig; die – teilweise ganz offensichtlichen – motivischen Ähnlichkeiten zwischen Werken Rachmaninoffs und etwa denen von Chopin, Mendelssohn Bartholdy oder Tschaikowsky liegen nur an der Oberfläche.

Die sechs Moments Musicaux op. 16 aus dem Jahre 1896 zählen zu Rachmaninoffs frühen Meisterwerken. Sie sind rückwärtsgewandt und modern zugleich: Rückwärtsgewandt ist ihr in die Vergangenheit gerichteter Charakter und ihre konservative Schreibweise. Modern ist ihr geradezu schmerzhafter Blick in die eigene Psyche. Modern, gerade in ihrer Rückwärtsgewandtheit, sind die Emotionen, die sie ausdrücken: Melancholie, Trauer über vergangene Zeit, rasende Unruhe, verzweifelte Leidenschaft, Euphorie. Es sind Emotionen eines modernen, ungebundenen Menschen, der in die Vergangenheit blickt. Dies hat einen besonderen Reiz: Hören wir Rachmaninoffs Moments Musicaux, so blicken wir aus unserer Gegenwart in seine, und aus seiner in eine unbestimmte Vorzeit.

Die Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 36 wurde 1913 in Rom begonnen, im selben Jahr in Russland vollendet und 1931 in der Schweiz revidiert. Rachmaninoff hatte die Jahre 1906 bis 1908 überwiegend in Dresden verbracht und 1909 eine Amerika-Tournee durchgeführt. Die drei Sätze der Sonate fließen ineinander und kommunizieren durch wiederkehrende Motivik miteinander. In der Themenbildung finden sich Einflüsse der russisch-orthodoxen Kirchenmusik. Prägnant in allen drei Sätzen sind glockenartige Klänge, die Rachmaninoff in vielen Werken verwendete; so schuf er während der Arbeit an der Urfassung der Sonate auch seine Kantate „Die Glocken“. Alle drei Sätze werden durch komplexe Polyphonie geprägt. Auf mögliche amerikanische Einflüsse deuten einige rhythmische Figuren im ersten und dritten Satz hin. Barkarolenhafte Elemente finden sich im zweiten Satz. Die Sonate ist in Struktur und Klangmitteln symphonisch angelegt. Sie vereinigt in sich unterschiedlichste Charaktere und Stilmittel. Die revidierte Sonatenfassung von 1931 ist im Vergleich zu der Urfassung von 1913 schlanker und von klarerer Form.

In den Jahren 1921 und 1925, während der ersten Phase seines Exils, bearbeitete Rachmaninoff die ursprünglich für Violine und Klavier geschriebenen Werke Liebesleid und Liebesfreud von Fritz Kreisler. Hier zeigt sich Rachmaninoff als einer der letzten komponierenden Virtuosen in der romantischen Tradition von Paganini und Liszt. Während Kreislers Liebesleid ironiegetränkt ist, ist das eigene Leid Rachmaninoffs von realer Tragik. Der Verlust seiner russischen Heimat traf ihn hart und beeinträchtigte auch seine kompositorische Tätigkeit. Er schuf von 1917 bis Mitte der 1920er Jahre keine ernsteren Kompositionen als Bearbeitungen und auch danach keine Klaviersolowerke mehr, sieht man von den Corelli-Variationen aus dem Jahre 1931 ab.

Evgenia Rubinova