Prokofiev

Prokofievs Klavierwerke verbinden seine moderne musikalische Sprache mit klassischen Formen, sie zeigen eine expressive, nie sentimentale Lyrik und geistreichen Witz, sie sind glasklar strukturiert und bis ins Detail durchdacht, sie tragen seine eigene, unverwechselbare Handschrift.

Prokofiev selbst hat in seiner Autobiographie vier Grundlinien hervorgehoben, in denen sich sein Werk bewegt, und zwar nicht in einer klaren Abfolge, sondern in allen Lebensabschnitten: erstens die klassische Linie, nämlich die Verwendung von Formen der Klassik und alter Tänze; zweitens die Linie des Neuerers, und zwar zunächst in der Harmonie, dann aber auch in der Gefühlssprache, der Melodik und dem Aufbau; drittens die motorische Linie, als deren Ausgangspunkt er die Toccata Schumanns nannte; viertens die lyrische Linie. Er nannte noch eine fünfte Linie, die er aber nicht als eigenständig, sondern als Erweiterung der vorgenannten Linie verstanden wissen wollte: Scherz, Lachen, Spott.

Mir ist eine weitere Besonderheit Prokofievs wichtig: Er liebte von Anfang an auch die Oper. Seine erste Oper „Der Riese“ schrieb er mit 9 Jahren. Er schätzte ferner Tanz und Film. Zu diesen Gattungen nun zeigt auch sein Klavierwerk enge Verwandtschaft: in bildhafter Melodik, theatralischer Szenerie und dramatischer Entwicklung, in der Freude am Spiel, am Tanz und an dem Wechsel von Masken.

All dies zeigt sich im Kern schon sehr früh in Prokofievs Klavierwerk; seine musikalische Sprache war schon in seiner Jugend entwickelt. Bleibende Meisterwerke finden sich bereits in dem ersten Drittel seiner Schaffenszeit.

Vor allem Werke aus dieser Zeit habe ich für die vorliegende CD ausgewählt. Die Entstehung der Klavierstücke op. 12 reicht in das Jahr 1906 zurück; damals war Prokofiev gerade 15 Jahre alt. Die Sammlung vollendete er 1913, also mit 22 Jahren. Die Sarkasmen op. 17 entstanden 1912 bis 1914. Die 4. Sonate op. 29 komponierte Prokofiev 1917 mit 26 Jahren; eine Vorversion war schon 9 Jahre zuvor entstanden. Die Scheherazade-Fantasie entstand wohl um 1921. Aus späteren Jahren, nämlich aus der Zeit des zweiten Weltkriegs, stammen nur die Klavierstücke op. 96. Sie stehen beispielhaft für sein Spätwerk und belegen, dass er sich bei aller künstlerischen Entwicklung stets treu geblieben war und dass er seine Qualitäten bewahren konnte.

Schon die Klavierstücke op. 12 sind, anders als es der schlichte Titel und die niedrige Opuszahl vermuten lassen mögen, ein frühes Meisterwerk. Ihre Form ist klassisch, ihre Tonsprache modern, ungezügelt und originell. Nr. 1 ist ein ironischer Marsch. Die melodiöse Nr. 2 greift auf die alte Form der Gavotte zurück. Ebenfalls eine traditionelle Tanzform, der Rigaudon, wird in Nr. 3 abgebildet, einem lebhaften Stück mit geistreichen harmonischen Reibungen. Die Mazurka Nr. 4 ist eine scherzhafte Widmung an den Komponisten Mjaskowski. Nr. 5 ist ein zauberhaftes Capriccio in Rondoform mit unterschiedlichen Charakteren, aber in immer gleicher Flußbewegung. Die Legende Nr. 6 ist das einzige langsame Werk der Sammlung. Sie erzählt von Vergangenem, doch ihre Grundhaltung ist nicht sentimental. Vielmehr werden Eindrücke der Erinnerung heraufbeschworen. Einzelne Klangfarben erinnern an Debussys Préludes, andere an Schumanns Kinderszenen, insgesamt ist das Werk aber ein "echter" Prokofiev. Das Prélude Nr. 7 ist vielleicht sein erstes Werk, das auch im Westen gespielt wurde. „Harfe“ ist der Untertitel des Werkes, und an eine Harfe erinnern die Figuren der rechten Hand und vor allem die Arpeggien in dem von kaukasischen Rhythmen geprägten Mittelteil. Mit der Nr. 8 wendet sich Prokofiev wieder einer alten Tanzform zu, der Allemande. Ihr Anfang wirkt breitbeinig und gewichtig, doch zugleich auch komisch; der komische Charakter übernimmt immer mehr die Oberhand. Auf die Komik der Nr. 9 weist schon ihr Titel „Humoristisches Scherzo“ hin. Deutlich sind hier Übertragungen des Klangs von Holzbläsern. Das Werk existiert auch in der Fassung für vier Fagotte. Das Kolorit von Fagotten prägt auch das Scherzo Nr. 10, dort allerdings im klanglichen, charakterlichen und rhythmischen Kontrast zu der raschen Sechzehntelfiguration der rechten Hand.

Die vierte Klaviersonate c-Moll op. 29 hat Prokofiev dem Gedächtnis seines Freundes Maximilian Schmidthof gewidmet, einem jungen Pianisten, der Selbstmord begangen hatte. Das Hauptthema des ersten Satzes gibt sich herb und spröde, wie ein altes Menuett. Das lyrische Seitenthema zeigt innerhalb einer dunklen Grundstimmung hellere Momente, gleich einer Erinnerung an frühere Tage. Der zweite Satz ist für mich einer der genialsten langsamen Sätze überhaupt: Der Beginn ist pochend und unerbittlich. In den Schatten hinein leuchtet das engelhafte zweite Thema (tranquillo e dolce). Schließlich verbinden sich beide Themen auf atemberaubende Weise polyphon. Der dritte Satz wischt die Düsternis beiseite, er ist heiter, virtuos und mitreißend.

Als Neuerer zeigt sich Prokofiev mit den fünf Sarkasmen op. 17. Sie sind furios, radikal und aufbegehrend. Zugleich sind sie zutiefst menschlich: Ihre rasende Motorik ist nicht Geräusch einer Eisenbahn, sondern Ausdruck der inneren menschlichen Zerrissenheit. Sarkastisch sind sie, wie der Titel der Sammlung nahelegt; doch ihr Sarkasmus ist mit Raserei und mit Zweifeln durchmischt. Im vergleichsweise tonalen ersten Werk wechseln sich unterschiedliche Charaktere kaleidoskopartig ab. Eine ganz neue musikalische Sprache hat Prokofiev dann in dem beklemmenden zweiten Werk gefunden. Die bedrohliche Stimmung des dritten Stücks wird mit einem lyrischen, an Skrjabin erinnernden Mittelteil kontrastiert. Das vierte Werk trägt die Bezeichnung smanioso (besessen). Ein geradezu verrückter Charakter wird mit seinen irrwitzigen Sprüngen und abrupten Rhythmuswechseln vorgeführt. Er wird im Mittelteil durch die pochende Unerbittlichkeit bitonaler Akkordschläge abgelöst. Zuletzt wird der Rhythmus des Mittelteils im Bass beibehalten, aber ins Pianissimo zurückgedreht. Hierauf entfaltet sich als Erinnerung an den Anfangscharakter eine sanfte, nicht minder verrückte Kantilene, die bald erstirbt. Dem fünften Werk gab Prokofiev selbst ein Programm bei: „Manchmal lachen wir boshaft über jemanden oder etwas und merken erst bei genauerem Hinsehen, wie elend und unglücklich das Opfer unseres Spottes ist; dann wird uns unbehaglich und das Lachen klingt uns in den Ohren, als verlache es uns selbst.“

Prokofievs Scheherazade-Fantasie über die sinfonische Dichtung seines früheren Lehrers Rimski-Korsakow baut wohl auf dessen eigener (allerdings recht langer) Klavierfassung auf. Eine Klavierbearbeitung desselben Werkes schrieb übrigens auch Rachmaninoff. Möglicherweise ging es beiden darum, das Originalwerk im Westen noch bekannter zu machen. Prokofievs spielte seine Scheherazade-Fantasie im Jahre 1926 auf einem Reproduktionsklavier ein. Auf jener Einspielung beruht, mit kleineren Bearbeitungen meinerseits und einer eigenen Kadenz, die vorliegende Aufnahme.

Die drei mitreißenden Tänze op. 96, Klaviertranskriptionen eigener Werke, werden leider nur selten gespielt. Der Walzer Nr. 1 stammt aus der Oper Krieg und Frieden nach dem berühmten Roman Tolstois über die Zeit des Einfalls Napoleons in Russland. Die Arbeit an der Oper begann Prokofiev 1941, dem Jahr des Einfalls Hitlers in Russland. Während die Oper erst 1946 uraufgeführt wurde, erschien die Klavierfassung schon 1943. Nr. 2 ist ein Kontratanz, Nr. 3 ein Walzer, beide aus der Musik zum Film "Lermontov".

Evgenia Rubinova