The Last Rose of Summer

Eine verrückte Suite, zugleich vergeistigt und bodenständig, archaisch und modern, regional und weltumspannend, melancholisch und energiegeladen, grob und zärtlich, schlicht und schwierig, meditativ und ausgelassen, brillant und mutwillig, ein Meisterwerk und fast unbekannt. Beethovens Variierte Themen op. 105 (1818/1819) vereinigen extreme Gegensätze.

Schon seit vielen Jahren hatte der Verleger und Volksmusiksammler Thomson verschiedene Komponisten mit Volksliedbearbeitungen für Singstimme und Klavier (und oft auch Violine und Cello) beauftragt, darunter auch Haydn und Beethoven. Die Anregung für die Variierten Themen war zunächst von einem anderen Verleger gekommen, mit dem Beethoven finanziell nicht einig wurde, so dass schließlich Thomson das Werk für das Vereinigte Königreich herausgab, und zwar mit Flötenbegleitung. In der kontinentaleuropäischen Erstausgabe bei Artaria wurde alternativ zu der Flötenstimme auch eine solche für Violine veröffentlicht; beide Begleitungen wurden ausdrücklich als "ad libitum" bezeichnet, was sich offensichtlich nicht nur auf die Wahl zwischen den Begleitinstrumenten bezieht, sondern auch deren Verzicht insgesamt ermöglicht. Dies wird gestützt durch einen Brief Beethovens an Simrock vom 9. März 1820 zu dem Schwesterwerk op. 107, in dem er ausdrücklich von "Flöte ad libitum" spricht.

Die reine Klavierfassung ist noch abstrakter und noch weniger volksliedhaft als diejenige mit Begleitinstrument, dessen Rolle sich ohnehin auf Verdoppelung und Wiederholung des Themas beschränkt und das bisweilen geradezu stört. Man vergleiche etwa bei der zweiten Variation von Chilling O'Guiry die Fassungen. In der reinen Klavierfassung kommt die mitreißende Polyrhythmik zur Geltung, in der Fassung mit Flöte wird sie in den Hintergrund gedrängt.

Die Volksliedthemen stammen aus irischen, walisischen und österreichischen Volksliedern, entgegen der wiederkehrenden Bezeichnung Air ecossais aber wohl nicht aus Schottland. A Schüsserl und a Reindel (Eine Schüssel und ein Kochtopf) ist ein derbes österreichisches Bauernlied. Große Bekanntheit hat The last rose of summer erlangt. Die Melodie beruht auf einer traditionellen irischen Volksweise, den Text über die Vergänglichkeit schrieb Thomas Moore 1805:

 

Tis the last rose of summer,

Left blooming alone;

All her lovely companions

Are faded and gone;

No flower of her kindred,

No rosebud is nigh,

To reflect back her blushes,

Or give sigh for sigh! ...

 

Die Melodie des eher langsamen, keinesfalls aber behäbigen Liedes The Cottage Maid, beruht auf einer walisichen Volksweise, zu der William Smyth den Text schrieb und die Beethoven zuvor schon

bearbeitet hatte (WoO 155 Nr. 3). Es geht darin um ein Hirtenmädchen, das auf nicht allzu tiefe Weise an der Liebe ihres Verehrers zweifelt. Paddy Whack ist ein irisches oder schottisches Lied, das sich ohne Text in der Sammlung Hibernian Muse aus dem Jahre 1770 findet und im 18. Jahrhundert wohl sehr populär war. Der Originaltitel des nächsten Liedes lautet Of a noble race was Shenkin; in der Erstausgabe von Beethovens op. 105 wird es mit der deutschen Übersetzung „Von edlem Geschlecht war Shenkin“ bezeichnet. Erstmals nachweisbar ist die Melodie in dem Schauspiel „The Richmond Heiress“ von D’Urfey (1693) mit einem komisch-selbstmitleidigen Text der Figur Shenkin, sie beruht aber wohl auf einer damals schon existierenden Volksweise; Thomson jedenfalls bezeichnete die Melodie als walisisch. Eine Bearbeitung des Shenkin-Themas existiert auch von Joseph Haydn. Diese ist mit einem Text von Alexander Boswell veröffentlicht worden, den wiederum Thomson beauftragt hatte. Boswells Text hat einen völlig anderen Charakter und Inhalt als derjenige von D'Urfey, nimmt aber witzigerweise auf letzteren Bezug. Chiling O’Guiry ist ein Trinklied nach einer irischen Weise, zu der William Smyth den Text schrieb. Beethoven hatte es ebenfalls bereits bearbeitet (WoO 154 Nr 6).

Die Themen wirken – auch in Beethovens Satz – fast archaisch, durch ihren bodenständigen, ja teils groben Charakter und durch ihre bisweilen ungewohnte Harmonik. Beethoven verwandelt sie in große Kunst. Zu jedem Thema schreibt er zwei bis sechs Variationen, die nicht eigentlich das Thema mehrfach variieren, sondern das Thema zum Ausgangspunkt zu freien, kontrastreichen Entwicklungen nimmt, die sich charakterlich, klanglich und satztechnisch immer weiter vom Volkslied entfernen, bis das Thema kaum noch erkennbar ist, allenfalls als Extrakt noch erahnt werden kann. In den Worten von Jürgen Uhde, der sich sehr für die Werke einsetzte: "... ist das Thema eine Blüte, dann ist diese Variation nur ihr verfliegender Duft. ... Alles ist ganz einfach, ganz einsichtig und doch unglaublich. Ein gewöhnlicher Gegenstand im Licht einer anderen Welt." Die Variierten Themen atmen romantischen Geist in ihrem Interesse für Volkstümliches und beruhen zugleich auf klassischen Formen, die sie - typisch für den späten Beethoven - nahezu überspannen. Sie formen Neues aus den Volksliedern und zeigen gerade dadurch, welcher Wert in ihnen liegt. Nach Jürgen Uhde mag sich hierdurch "Beethovens Glaube für uns kundtun. Hinter dem Geringsten kann der letzte Sinn aufleuchten.“ Die Interpretation muss unbedingt vermeiden, sie harmlos und behäbig klingen zu lassen.

Wenn op. 105 heute gespielt oder gedruckt wird, lautet die Reihenfolge wohl stets wie in der Artaria-Erstausgabe: Maid, Shenkin, Schüsserl, Rose, O'Guiry, Paddy. Dagegen ist die Reihenfolge der Thomson-Erstausgabe: Schüsserl, Rose, Maid, Paddy, Shenkin, O'Guiry. Vielleicht wollte Artaria die Verkaufschancen der mit "bien facile" beworbenen (aber überhaupt nicht einfachen) Noten erhöhen und setzte The Cottage Maid deswegen an den Anfang. Nicht ersichtlich ist, in welcher Reihenfolge Beethoven die Variierten Themen an die beiden Verleger geschickt hatte. Ebenfalls nicht bekannt ist, ob Beethoven die unterschiedlichen Reihenfolgen in den beiden Erstausgaben sah und für relevant hielt und wie er auf sie reagierte. Nach seinen Briefen an Artaria vom 1. Oktober 1819 und 8. April 1820 sieht es so aus, dass er längere Zeit auf sein Belegexemplar warten musste, vielleicht hat er es nie erhalten. Gut denkbar ist auch, dass Beethoven beiden Verlegern ein Ermessen über die Reihenfolge zugestand. Zum Schwesterwerk op. 107 ist ein Brief Beethovens an Simrock vom 23. April 1820 erhalten, in dem er dem Verleger freistellte, für zwei zusätzliche Themen zwei beliebige andere zu streichen; dies erweckt nicht den Anschein, dass es Beethoven um eine bestimmte Gesamtform ging. Jedenfalls ist die Thomson-Reihenfolge deutlich plausibler, zum Beispiel weil sich A Schüsserl und a Reindel als ausgelassener Beginn eignet und The Cottage Maid eher als Übergang,

weil Shenkin ein retardierendes Moment vor dem Finale bildet und Chiling O’Guiry den idealen Schlußpunkt setzt.

Eine ganz andere Art der Bearbeitung haben Beethovens eigene Lieder durch Franz Liszt erfahren. Liszt zeigte bei aller Virtuosität besonderen Respekt vor den Originalwerken und bewahrte deren Aufbau und musikalische Gestalt. In Adelaide begegnet man dem frühromantischen und gesanglichen Beethoven, in den Gellert-Liedern dem religiösen und expressiven.

Im Allegretto c-Moll (ca. 1798) zeigt sich Beethovens Fähigkeit zur Verdichtung auf engstem Raum auf besonders eindrucksvolle Weise. Es war vielleicht einmal als Sonatensatz konzipiert.

Unter den Klaviersonaten Beethovens ist eine der eher unbekannten diejenige in F-Dur op. 54 (1804). In ihr vereinen sich Gegensätze in mehrfacher Hinsicht. Das Hauptthema des ersten Satzes erinnert an ein barockes Menuett, im geheimnisvollen Kontrast zu ihm steht ein motorisches Seitenthema in Doppelintervallen. Beide Themen werden nicht etwa in einer Durchführung, sondern erst in der Coda miteinander verbunden, und zwar auf eine Weise, die Einfachheit und Komplexität verbindet. Die im ersten Satz angelegte Beschleunigung wird in der motorischen Phantastik des zweiten fortgesetzt, die weit in die Romantik deutet, etwa zu Schumanns Toccata.

20 Jahre später war Beethoven einen Schritt weiter in die Romantik gegangen. Die Bagatellen op. 126 bilden einen in sich schlüssigen Zyklus von miteinander verbundenen Charakterstücken. Sie stammen aus dem Jahr 1824 und sind Beethovens letztes Klavierwerk. In der letzten Bagatelle, zugleich seinem allerletzten Klavierwerk, lässt Beethoven ein Motiv wiedererklingen, das er erstmals im Andante Favori aus dem Jahre 1804 verwendete und das möglicherweise auf Josephine von Brunsvik hindeutet, die vielleicht die geheimnisvolle „unsterbliche Geliebte“ seiner Briefe gewesen war. Eine Erinnerung am Lebensende.

Josephine von Brunsvik war schon im März 1821 gestorben. Kurz zuvor war das Klavierstück/Allegretto h-Moll veröffentlicht worden, ein düsteres Werk von unerbittlicher Objektivität.

Evgenia Rubinova Juni 2018